Schickt die Flüchtlinge nicht in die Dörfer – Ein vorurteilsstrotzender Appell

Frau Caroline Fetscher schrieb für den Tagesspiegel einen Artikel der – auf den ersten Blick gesehen – ein Appell ist, Flüchtlinge dort unterzubringen wo man ihnen nicht von vornherein mit Argwohn und Vorurteilen begegnet [1]. Ein durchaus löblicher Aufruf, denn Flüchtlinge in Deutschland dort unterzubringen wo Ihnen Hass entgegenschlägt kann nur kontraproduktiv sein.

Als ich mir diesen Artikel durchlas standen mir jedoch die Haare zu Berge. 

Frau Fetscher setzt Dorfleben mit Rückständigkeit gleich und beschreibt einen Bildungsunterschied zwischen Dörflern und Städtern. Selbst Bewohnern der städtischen Randgebiete spricht Frau Fetscher diesen Bildungsunterschied zu. Auch vertritt sie das uralte Vorurteil, Menschen auf dem Dorf hätten mehr Vorurteile als andere. In Einzelfällen mag das auch richtig sein. Diese Einzelfälle finden Sie jedoch auch in jeder Stadt. Ob Fulda, Würzburg oder Berlin. Ich habe sie schon überall gefunden.
Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass die „Bildungsferne“, die Frau Fetscher der Dorfbevölkerung zuschreibt, in Dörfern sogar seltener ist, als in Städten. Auch wenn auf dem Land die Schüler mit dem Bus ein paar Orte weiter fahren müssen um zur Schule zu kommen, so gilt hier die selbe Schulpflicht wie in der Stadt. Und das konsequenzfreie Schuleschwänzen ist durch die dörfliche Struktur meist sehr viel schwerer für einen Schüler als in der Stadt.
Alles und Alle über einen Kamm scheren lässt es sich natürlich auch in der umgekehrten Weise als Frau Fetscher es tut, nicht. Aber ich lade Frau Fetscher gerne einmal ein, nach Bad Brückenau zu kommen, um ihr offensichtlich vorurteilsbehaftete Bild vom ländlichen Raum zu überdenken.
Zwar ist Bad Brückenau eine (Klein-)Stadt und Mittelzentrum, in der Struktur besteht es aber grob gesagt aus einem (Klein-)Stadtkern, dem Kurbereich und den Dörfern Volkers, Römershag und Wernarz. Im Stadtteil Volkers, der nicht einmal mehr 600 Einwohner zählt, sind derzeit um die 100-120 Asylbewerber in einer Gemeinschaftsunterkunft (einem ehemaligen Hotel) untergebracht. Prozentual ungefähr vergleichbar als würde Berlin 700.000 Asylsuchende unterbringen. In Wernarz, einem sagen wir „ähnlich metropolisierten“ Stadtteil, sind es nochmal ca. 30 Flüchtlinge.

Kürzlich wurde von der Polizeidienststelle erst, im Rahmen der Bürgerversammlung, der Brückenauer Bevölkerung im Allgemeinen und den Volkersern im Speziellen, ein Lob für ihren vorbildlichen Umgang und ihr Engagement für und mit den Asylbewerbern ausgesprochen. Auch dadurch gebe es kaum Zwischenfälle oder Konflikte.

„Dörfler“ von heute sind nicht mehr mit denen von vor 100 Jahren zu vergleichen. Die Mobilität von Dorfbewohnern ist, wenn auch aus der Not heraus, zumeist deutlich höher als die der Städter. Viele arbeiten in einer naheliegenden Stadt und pflegen Kontakte in einem größeren geographischen Umkreis als es in der Stadt der Fall ist, der Aktionsradius eines Dorfbewohners ist geographisch gesehen für gewöhnlich deutlich größer und intensiver „beackert“ als der eines Großstadtbewohners. Das wirkt sich auch auf den gesellschaftlichen Horizont aus. Der Hinterwäldler der sein Leben lang nicht weiter als bis in den Nachbarort gereist ist, ist Geschichte. Geschichte aus einer Zeit als Motorräder und Autos noch höchster Luxus waren. Wie aber sicherlich auch Frau Fetscher, die laut ihrem Lebenslauf stets in größeren Städten wohnte [2], bekannt sein dürfte, gibt es heute auch auf dem Land Fahrzeuge die keine Pferdefuhrwerke oder Traktoren sind.

Ich bin ebenfalls der Meinung, dass man Flüchtlinge nicht alle in geographischen Randbereichen unterbringen darf, sondern sie gleichmäßig und dezentral verteilen sollte, auch in Stadtzentren. Der Artikel von Frau Fetscher basiert jedoch nicht auf der Realität, sondern augenscheinlich auf einer eher eingeschränkten und indirekten Beobachtung, ausserdem fordert sie eigentlich eine zentrale Unterbringen von Flüchtlingen – nämlich in den Städten.
Frau Fetscher sollte sich einmal Gedanken machen, ob nicht SIE es ist, die Vorurteile und Ressentiments gegenüber Bevölkerungsgruppen – den „Nichtstädtern“ – hat und pflegt. In jedem Fall schürt Sie diese mit Ihrem Artikel.

Das akzeptiere ich als Stadtrat einer teils dörflich geprägten Kleinstadt in einem ländlichen Umfeld nicht!

 

[1] http://www.tagesspiegel.de/kultur/unterbringung-von-asylbewerbern-schickt-die-fluechtlinge-nicht-in-die-doerfer/11631060.html
[2] https://www.berlin.de/imperia/md/content/lb-lkbgg/praeventionspreis/praeventionspreis2010/fetscher.pdf?start&ts=1286530134&file=fetscher.pdf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.