Breitbandausbau Bad Brückenau: “Kostengünstige” Lösung wird am Ende teurer kommen

Pressemitteilung der SPD-Fraktion im Bad Brückenauer Stadtrat:

Das Kind ist in den Brunnen gefallen, Bad Brückenau hat die Chance verpasst ein notwendiges Projekt so früh wie möglich zu beginnen. Die vermeintlich kostengünstige Lösung zum Breitbandausbau, die in der Stadtratssitzung am 15.09.2015 beschlossen wurde, wird die Stadt auf lange Sicht mehr Geld kosten.

Die Gesamtkosten für die beschlossene Übergangslösung bestehen schließlich neben den Kosten für die Glasfaser bis zum Kabelverzweiger auch aus den Kosten für die im Kabelverzweiger notwendige Hardware, also die Geräte die die Kommunikation zwischen der Glasfaser und dem bestehenden Kupferkabel herstellen. Bei einem späteren Glasfaserausbau vom Kabelverzweiger bis in die Gebäude wird diese Hardware überflüssig und kann nicht weiterverwendet werden. Da ein entsprechender Ausbau bereits in wenigen Jahren zu erwarten sein dürfte, bleiben diese Geräte in ihrer Nutzungsdauer also weit unter ihrer zu erwartenden Lebenserwartung. Dadurch wird der Ausbau für den Steuerzahler insgesamt teurer.

In allen Gebieten Bad Brückenaus in denen das aktuelle Förderprogramm des Freistaats Bayern nicht angewandt wird, setzt die Telekom auf einen Ausbau durch den Einsatz von Vectoring. Vectoring ist ein Verfahren, das Störungen im bestehenden Kupferkabelbündel, hervorgerufen duch die fehlende Abschirmung, mittels Kodierung minimiert. Damit kann Vectoring den angeschlossenen Teilnehmern zwar höhere Geschwindigkeiten ermöglichen, da Vectoring aber dazu führt, dass kein anderer Anbieter auf diese Infrastruktur zugreifen kann, somit den diskriminierungsfreien Netzzugang verhindert und eine Remonopolisierung der Telekom zur Folge hat, hat die EU-Kommission diese Technik (völlig zurecht) für nicht förderfähig erklärt. Seither wird von der Telekom Druck auf die Bundesregierung ausgeübt, diese Technik trotzdem zu fördern. Angeblich wäre das angestrebte Ziel eines flächendeckenden Breitbandausbaus auf 50 Mbit/s bis 2018 sonst nicht zu stemmen. Die bisherige Entwicklung in dieser Angelegenheit lässt davon ausgehen, dass die Telekom trotz des massiven Gegendrucks sämtlicher anderer Netzbetreiber und Provider ihr Ziel erreichen wird. Beim Bundeswirtschaftsministerium spricht man hier von “Technologieoffenheit”. Sollte das Bundes-Förderprogramm (und folglich auch das Landes-Förderprogramm) Vectoring also zukünftig erlauben, wird ein weiterer vermeintlich kostengünstiger Zwischenschritt ermöglicht. Ein echter Ausbau der Glasfaserinfrastruktur würde dadurch nochmals verzögert und es stellt sich die folgende mögliche Abfolge der Ereignisse dar:

2015/16: Ausbau auf 30 Mbit/s durch FTTC
2018/19: Ausbau auf 50-100 Mbit/s durch Vectoring an der bestehenden FTTC-Technik
Spätestens 2025: Ausbau auf sehr viel höhere mögliche Datenrate (1000 Mbit/s und höher) durch FTTB (Glasfaser bis ins Gebäude) und FTTH (Glasfaser bis in die Wohnung)

Der Antrag der SPD-Fraktion auf Ausbau der Glasfaserinfrastruktur bis in die Gebäude hätte die Stadt nicht nur langfristig Geld gespart, die betroffenen Gebiete (siehe Karte) hätten auch eine Wert- und Attraktivitätssteigerung erfahren, was sowohl in einem Wohngebiet, als auch insbesondere im Gewerbegebiet Vorteile für die Stadt ergeben hätte. Für viele, insbesondere international agierende Unternehmen ist der Anschluss an das schnelle Internet schon heute ein fast genauso wichtiger Infrastrukturfaktor wie die Nähe zu einer Schnellstraße oder Autobahn. Für eine Firma die beispielsweise in der Softwareentwicklung tätig ist, ist die Internetanbindung wahrscheinlich schon heute wichtiger als die Straßenanbindung. Um als Standort für ein solches Unternehmen in Frage zu kommen, muss man möglichst früh und vor allen Dingen früher als die anderen über diese Infrastruktur verfügen. Zieht man stets nur nach, ergibt sich kein Standortvorteil. Bad Brückenau bleibt auf diesem Gebiet also weiterhin nur unteres Mittelmaß und hat eine Chance vertan sich gegenüber anderen Städten und Gemeinden hervorzuheben.

Man kann natürlich nicht verlangen, dass sich ein ehrenamtlicher Stadtrat binnen vier Wochen das volle Wissen rund um Glasfaser, Kupfer, ADSL, VDSL usw. aneignet und zudem noch die eigentlichen netzpolitischen Problematiken von heute auf morgen versteht. Auffällig war jedoch, dass der größte Teil der Stadträte offenbar keine Veranlassung gesehen hat sich zwischen den vergangenen zwei Sitzungen auch nur oberflächlich mit dem Thema zu beschäftigen. Bei einem Thema das seit Jahren die Politik mit beherrscht und regelmäßig in sämtlichen Medien eingehend diskutiert wird, kann man allerdings erwarten, dass wenigstens ein grundsätzliches Interesse daran besteht, das Drumherum zumindest etwas zu verstehen. Der vorherrschende Eindruck war, dass dieses Interesse bei den meisten völlig gefehlt hat.
Dass fraktionsübergreifend anerkannt wurde, dass die Glasfaser die Zukunft ist und ein echter Glasfaserausbau früher oder später (vermutlich eher früher als später) unumgänglich ist, man sich aber aus Kostengründen dennoch für die Übergangslösung entscheidet, ist für die SPD-Fraktion nicht nachvollziehbar. Für die Neugestaltung von Parkplätzen hat man in den vergangenen Jahren deutlich mehr ausgegeben als hier – jedenfalls vorübergehend – eingespart wurde.

Grafik Ausbaugebiete

Die Erschließungsgebiete 1 und 3 werden durch die Telekom auf eigene Rechnung mittels Vectoring ausgebaut. Die Erschließungsgebiete 2 (Gewerbegebiet Römershag und Schulzentrum) und 4 werden im Rahmen des Förderprogrammes mittels FTTC auf mind. 30 Mbit/s Downloadrate ausgebaut. (Zum Vergrößern Grafik anklicken)

Gez.: Die SPD-Fraktion im Stadtrat von Bad Brückenau
Benjamin Wildenauer
(Fraktionssprecher, Referat für Jugend und Jugendzentrum, Referat für Kommunikation, Stellv. Vorsitzender PIRATEN BzV Unterfranken)
Florian Wildenauer
(Referat für Kindergarten, 1. Vorsitzender des SPD-OV Bad Brückenau)

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