Angemessene Reaktion oder doch nur Rassismus?

Das Thema „Sexuelle Belästigung“ kocht ja derzeit sehr hoch. Mich stört auch überhaupt nicht, dass man darüber redet und das Kind beim Namen nennt. Mich stören nur etwas die Beweggründe dafür. An Karneval, auf dem Oktoberfest und bei etlichen anderen Großveranstaltungen auf denen meist eine große Menge Alkohol konsumiert wird, kommt es regelmäßig zu sexueller Belästigung und auch zu entsprechenden Übergriffen. Die meisten Leute reagierten darauf nach dem Motto „Ist notiert und zur Kenntniss genommen. Ganz schlimm, aber jetzt zum nächsten Thema.“

Ohne Frage: Das ist keine dem Thema angemessene Reaktion. Was nach den Übergriffen in der Silvesternacht passiert ist aber auch nicht richtig. Denn jetzt wo die Taten durch Ausländer begangen wurden interessieren sich die Leute auf einmal dafür. Der Geruch von latentem bis offenem Rassismus ist so stark wahrnehmbar, ein monatelang im Wanderrucksack vergessenes Gorgonzola-Brötchen ist gar nichts dagegen.

In Bornheim bei Bonn geht man nun – augenscheinlich durch die Vorkommnisse von Silvester „inspiriert“ – dazu über, Asylbewerbern den Zutritt zum öffentlichen Schwimmbad zu verbieten. [1]
Die Beschwerden über sexuelle Belästigung durch männliche Asylbewerber hätten sich gehäuft und man sehe keine andere Möglichkeit.
Man stellt also ein pauschales Hausverbot aus, weil man sich nicht in der Lage sieht, ein individuelles Hausverbot zu kontrollieren. Selbst wenn ich dafür Verständnis aufbringen könnte, bleiben einige ganz rationale Fragen ungeklärt.

  1. Ein individuelles Hausverbot kann offenbar nicht kontrolliert werden. Wie wird das pauschale Hausverbot dann kontrolliert? Muss man sich jetzt an der Kasse als deutscher Staatsbürger ausweisen oder wird nach dem Aussehen oder den Sprachkenntnissen sortiert?
  2. Was bedeutet das für anerkannte Flüchtlinge? Dürfen die nach erfolgreichem Asylverfahren wieder ins Schwimmbad oder bleibt das Hausverbot bestehen? Schließlich hat sich an der Person selbst nicht großartig was verändert, nur weil er jetzt ein neues Stück Papier besitzt. Wenn er vorher ein Arschloch gewesen sein sollte, dann ist er es mit größter Wahrscheinlichtkeit auch nachher noch. Über seinen Charakter sagt der Asylbescheid schließlich rein gar nichts aus.
  3. Ich weiss nicht, ob in Bornheim ein nennenswerter Tourismusverkehr herrscht, aber wie geht das Schwimmbad dann mit ausländischen Touristen um?
  4. Wenn in diesem Fall ein individuelles Hausverbot nicht umsetzbar ist, was bedeutet das dann für deutsche Männer? Haben die einen Freibrief zur sexuellen Belästigung und anderes Fehlverhalten? Oder wird das Schwimmbad dann komplett für Männer gesperrt? Entweder kann ich Hausverbote kontrollieren und durchsetzen oder ich kann es nicht. Da ist es unerheblich, an welchem Ort jemand geboren wurde.

Selbst wenn ich den Betreibern des Schwimmbades also keine fremdenfeindliche Motivation unterstellen würde, bleibt das Ganze eine von vorne bis hinten unausgegorene und undurchdachte Aktion. Aber da hier einer bestimmten Gruppe, die durch ihre Herkunft abgegrenzt wird, pauschal der Zugang ohne weitere Gründe verwehrt wird und eben nicht einzelnen Personen ein begründetes Hausverbot erteilt wird, ist es de facto – und das lässt sich nicht relativieren – eine rassistische Diskriminierung.

Sexuelle Belästigung und Vergewaltigung sind Dinge die angeprangert und verfolgt werden müssen! Das Strafmaß muss auch angepasst werden (meist sind die Urteile lächerlich mild). Aber bitte unabhängig davon welche Hautfarbe der mutmaßliche Täter hat oder welche Sprache er spricht.
Alle Flüchtlinge wegen der Übergriffe durch Einzelne pauschal in Sippenhaft zu nehmen ist kein Verhalten das unseren Werten entspricht. Es unterstellt eine Ungleichheit verschiedener Menschengruppen. In manchen Gegenden aus denen diese Leute hierher kommen ist Diskriminierung – z.B. bezogen auf das Geschlecht, die Religionszugehörigkeit oder die Sexualität – sehr häufig. Wenn wir wollen, dass diese Leute unsere Werte wie Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und die Freiheit jedes Einzelnen respektieren und annehmen, dann müssen wir diese Werte auch selber ernst nehmen. Und zum Rechtsstaat gehört es nun einmal grundlegend, dass man keine Gruppen beschuldigt, anklagt und verurteilt, sondern jeden Täter und jede Tat einzeln behandelt. Pauschale Verbote sind daher das wohl denkbar schlechteste Signal das wir an Flüchtlinge aussenden können.

[1] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/bornheim-schwimmbad-asylbewerber-verbot

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