Die gesetzliche Rente – Eine Geschichte von Beiträgen, Arbeitszeit und der Beitragsbemessungsgrenze

Dieser Tage wird wieder viel über die gesetzliche Rentenversicherung gesprochen.
Schon seit 1889 gibt es in Deutschland eine gesetzliche Rentenversicherung, seit 1957 vollständig nach dem Umlageprinzip. Länger als in irgendeinem anderen Land der Welt. Am grundlegenden Prinzip hat sich bis heute nicht viel verändert. Die jungen Menschen arbeiten und zahlen Geld in einen Topf, die alten Menschen die nicht mehr arbeiten können, erhalten aus diesem Topf Leistungen um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.
Seit 1889 haben sich natürlich einige Rahmenbedingungen geändert.

Als 1916 das allgemeine Renteneintrittsalter auf 65 Jahre gesenkt wurde, lag die durchschnittliche weitere zu erwartende Lebensdauer noch bei rund 10 Jahren. Wer es also erst einmal geschafft hatte überhaupt 65 zu werden, starb für gewöhnlich mit Mitte 70.
Heute liegt die zu erwartende weitere Lebensdauer eines 65jährigen bei rund 21 Jahren, ist also gut doppelt so hoch wie damals.

Nun liegt es natürlich nahe, daraus den Schluss zu ziehen, dass wenn die Menschen länger leben, sie auch länger arbeiten können. Das mündet in den immer wiederkehrenden Forderungen nach einer Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 oder gar 70 Jahre.

Auch auf die Gefahr hin, dass man mich als Volkstribun oder ähnliches zu verspotten versuchen wird: Solche Forderungen sind realitätsferner Quatsch und wenn man es zuende denkt auch wirtschaftlicher Blödsinn!

Natürlich gibt es nicht wenige Menschen die auch mit 65 Jahren noch fit genug sind und auch noch die Lust haben um noch einige Jahre arbeiten zu können. Das trifft aber nicht auf die Mehrheit der Bevölkerung zu.

Ich selbst bin beispielsweise gelernter Einzelhandelskaufmann. Im Moment würde ich es so einschätzen, dass ich mindestens in einem verwandten Beruf durchaus auch länger als bis 65 arbeiten kann, sofern ich mich regelmäßig weiterbilde und kopfmäßig fit bleibe. Freunde und Verwandte von mir arbeiten jedoch in der Pflege, im Handwerk und in der Industrie. In diesen Branchen kann man meist schon froh sein, wenn man es überhaupt schafft bis zu seinem 65. Lebensjahr auf einem akzeptablen körperlich leistungsfähigen Niveau zu bleiben. Sie können sich ja gerne mal den Arbeitsalltag in einem Altenheim oder einer Produktionshalle für Autoteile angucken. Und dann überlegen Sie sich gut, ob sie es für machbar halten, einer solchen Arbeit mit knapp 70 Jahren nachzugehen.

Besonders in körperlich intensiven Branchen würde eine Erhöhung des Renteneintrittsalters nur zu einer vermehrten Alters-Arbeitslosigkeit führen. Denn kaum ein Unternehmen würde sich langfristig die Chance entgehen lassen, bei Gelegenheiten zur Änderungen im Personalbestand (für gewöhnlich Personalabbau) die „Alten“, die vielleicht nicht mehr so effektiv arbeiten können wie ein 20- oder 30jähriger, als erstes auszusortieren. Das sehen wir ja schon heute nicht selten.

Da gibt es im besten Fall eine mehr oder weniger gut bemessene Abfindung, dann ein Jahr ALG 1 und bevor man in den abschlagsfreien Ruhestand gehen kann, noch eine Weile lang ALG 2 in der man von seinen Ersparnissen leben muss, wenn man nicht alles Erarbeitete (vielleicht ein kleines Eigenheim) verscheuern will. Klingt unfair und schwachsinning? Ist es auch!

Ein Vorschlag der querbeet von FDP bis Verdi als Alternative zur verlängerten Arbeitszeit gesehen wird, ist die Forderung nach einer Erhöhung der Rentenbeiträge auf 22-26% des Bruttoeinkommens. Zur Zeit liegt dieser Beitrag bei 18,7%, hälftig jeweils vom Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu zahlen. Sie selbst geben also 9,35 % Ihres Einkommens ab und Ihr Chef legt den selben Betrag nochmal oben drauf.
Bei einem deutschen Durchschnitts-Bruttoeinkommen von monatlich rund 2700 € würde eine Erhöhung auf 24% zu monatlichen Mehrkosten für Arbeitnehmer und Arbeitgeber von jeweils rund 70 € führen (252,45 -> 324,00). Auf den ersten Blick könnte man jetzt denken „Da kommt ja dann einiges zusammen, damit dürfte die Rente sicher finanziert sein.
Dem ist nur leider nicht so, da für die Berechnung des Rentenbeitragssatzes, bzw. der Einnahmen die daraus entstehen, das deutsche Durchschnitts-Brutto sehr viel niedriger angesetzt werden muss.
Der Grund hierfür sind die Beitragsbemessungsgrenzen von derzeit 6200 € (West) und 5400 € (Ost) monatlich. Das heisst, dass alles was ein gesetzlich Versicherter über diesen Betrag hinaus verdient, für die Berechnung seines Beitrags nicht den Hauch einer Bedeutung hat.

Wer mehr verdient zahlt trotzdem nicht mehr in die Rente ein.

Dadurch fallen aus der Durchschnittsberechnung schonmal sehr viele pflichtversicherte Führungskräfte heraus, bzw. können nicht vollständig eingerechnet werden. Selbstständige und Beamte zahlen ohnehin (in den allermeisten Fällen) nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein.
In die gesetzliche Rentenversicherung fließen also de facto fast ausschließlich Beiträge aus dem Einkommensbereich zwischen Minijob (> 3/4 sind von der RV-Pflicht befreit) und Beitragsbemessungsgrenze. Der Anteil an Geringverdienern ist dadurch prozentual deutlich höher als im gesamten Bestand der einkommensgenerierenden Bevölkerung. Und einem Geringverdiener könnte eine Erhöhung des Beitragssatzes – zumal auch die Gefahr besteht, dass diese Erhöhung nach dem Modell der Krankenkassen voll zu Lasten des Arbeitnehmers geht – ziemlich weh tun.

Die Folge wäre eine dann notwendige Anhebung des Steuerfreibetrags um diesen Effekt zu mildern, was zu sinkenden Steuereinnahmen führt, was sich widerrum auch auf die Zuschüsse zur Rentenversicherung aus der Steuerkasse auswirken könnte.
Damit wären wir auch hier wieder an dem Punkt angekommen, dass für niemanden ein wirklicher Gewinn entsteht.

Ich fasse die Situation eimal so zusammen:

  • Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters ist weder effektiv noch fair dem Menschen gegenüber. Im Gegenteil werden wir in den kommenden Jahrzehnten eher zunehmend über eine Absenkung des Renteneintrittsalters nachdenken müssen, da automatisierte Arbeitsprozesse, die sich mit großen Schritten weiterentwickelnde Robotik und andere Faktoren in vielen – wenn auch nicht allen – Branchen zu einem weiter schrumpfenden Stellenmarkt führen werden.
  • Eine Anhebung des Rentenbeitragssatzes, womöglich auch noch alleinig des Arbeitnehmeranteils, verschärft nur insbesondere die prekäre Situation im unteren Einkommensbereich weiter. In dieser Einkommensklasse wird ja auch kaum zusätzlich privat vorgesorgt. Man muss sich vor Augen halten, dass das einen Grund hat (die Sache mit dem nackten Mann und der Tasche).
  • An die Beitragsbemessungsgrenzen traut sich jedoch keiner ran. Sie werden in der Diskussion noch nicht einmal laut in den Mund genommen. Und hier liegt doch das eigentliche Problem. Ein solidarisches Sozialsystem – und das gilt neben der Rentenversicherung selbstverständlich auch für die gesetzliche Krankenversicherung – kann nicht funktionieren und es verdient auch seinen Namen nicht, wenn wir ausgerechnet die Besserverdiener und die Reichen ständig ausklammern und das System auf Kosten der weniger wohlhabenden Bürger finanzieren.

Wir brauchen eine Rentenversicherung die jedem Bürger einen menschenwürdigen Ruhestand ermöglichen kann und jeden Bürger im Rahmen seiner Möglichkeiten zur Finanzierung heranzieht. Nicht nur Gering- und Normalverdiener in abhängiger Beschäftigung, sondern auch „kleine“ Selbstständige wie der privatgeführte „Tante Emma Laden“ und andere Kleinunternehmer würden hiervon profitieren. Und das entstehende Plus an sozialer Sicherheit sowie das verminderte finanzielle Risiko für Existenzgründer würden sich mittelbar positiv auf den Innovationsstandort Deutschland auswirken.

Es ist eher vergleichbar mit dem simplen Überstreichen eines Schimmelflecks.

Unsere Sozialsysteme müssen sich den sich verändernden arbeitsmarkttechnischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen. Beiträge zu erhöhen und die Leute länger arbeiten lassen zu wollen ist aber keine adäquate, zukunftsfeste Anpassung, es ist eher vergleichbar mit dem simplen Überstreichen eines Schimmelflecks an der Wohnzimmerwand. Augenscheinlich ist das Problem – wenigstens eine Weile lang – gelöst, aber wenn es dann wieder an die Oberfläche kommt ist es größer als je zuvor.

Quellen und weitere Informationen zum Thema:

  1. http://www.lebenserwartung.info/index-Dateien/ledeu.htm
  2. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/164047/umfrage/jahresarbeitslohn-in-deutschland-seit-1960/
  3. http://www.deutsche-rentenversicherung.de/Allgemein/de/Navigation/2_Rente_Reha/01_Rente/03_vor_der_rente/02_ihre_beitraege_zur_rente/00_ihre_beitraege_zur_rente_node.html
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetzliche_Rentenversicherung_(Deutschland)

2 Gedanken zu „Die gesetzliche Rente – Eine Geschichte von Beiträgen, Arbeitszeit und der Beitragsbemessungsgrenze

    1. bewild Beitragsautor

      Danke für deinen Kommentar. Im Übrigen haben ausgerechnet die Äusserungen einer ganz bestimmten und recht bekannten Person aus der FDP entscheidend dazu beigetragen, dass ich diesen Artikel verfasst habe. Sonst hätte ich mich vielleicht nie dazu durchgerungen das mal zu Papier zu bringen. 🙂
      So gesehen hat die FDP sogar mal etwas positives bewirkt. *g*

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