Leben findet Innenstadt

Leere Geschäfte, zugeklebte Schaufenster, vereinzelte Kundenstopper vor den noch geöffneten Läden… ein Anblick dem man in vielen Einkaufsstraßen Deutschlands – insbesondere in kleineren und mittelgroßen Städten und Gemeinden – begegnet.

Mit all diesen Orten teilt auch Bad Brückenau dieses Problem. Eine Fußgängerzone ohne Fußgänger, eine Innenstadt mit immer weniger Geschäften.

Um dieses Problem anzugehen, lud die Werbegemeinschaft Bad Brückenau am Montag die Hauseigentümer zu einer Diskussionsrunde unter dem Motto „Leben findet Innenstadt“ ein, zu der ich als Stadtrat ebenfalls eingeladen war.

Nach rund zweieinhalb Stunden, in denen vorwiegend zum wiederholten Male über eine Öffnung der Fußgängerzone für den Verkehr diskutiert wurde, meldete auch ich mich zu Wort. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, auf dieser Veranstaltung nicht zu sprechen, da ich sehen und hören wollte, welche Vorschläge aus der Runde kommen, um später darauf basierend und im Sinne einer guten Lösung für alle, auch meine eigene Sicht der Dinge nochmal zu überdenken.

Leider dominierte in der Versammlung die Kritik an „den anderen“. Vorschläge, wie man dem Trend entgegenwirken könnte oder eine gesunde Selbstkritik waren – zumindest für mich – nur selten erkennbar.

Das ist schade, denn ich denke, es gäbe durchaus Möglichkeiten die Innenstadt mit Leben zu füllen, ohne dass das Leben vorrangig aus dem Abrollgeräusch von Autoreifen auf Straßenpflaster besteht.

Das wollte ich gerne auch in meinem Redebeitrag darstellen, jedoch wurde mir nicht die Gelegenheit gegeben, meine Gedanken (die weit über die Frage des Sortimentes hinausgehen) fertig auszuführen, worauf ich in der Folge etwas unbeherrscht und nicht unbedingt in einem angemessenen Ton reagierte, wie ich im Nachhinein eingestehen muss. Das war der Sache vermutlich auch nicht zuträglich.

Da ich also vor Ort nicht die Gelegenheit hatte, muss ich nun in der Hoffnung, dass der eine oder andere es liest, Stift und Papier beziehungsweise Tastatur und Blog bemühen.

Wo liegt das Problem? Noch Anfang der 1990er Jahre lief der komplette Durchgangsverkehr, sowohl von Nord nach Süd, als auch von West nach Ost, jeweils als Einbahnstraßen durch die Ludwigstraße und die parallel verlaufende Unterhainstraße. Wer durch Bad Brückenau fahren wollte, musste also zwangsläufig hier durch. Das führte zu einer untragbaren Verkehrssituation in der relativ schmalen Ludwigstraße, weshalb (nach jahrzehntelanger Planung) eine innerörtliche Umgehungsstraße, die heutige Ancenisstraße, gebaut wurde und man die Ludwigstraße in eine Fußgängerzone umwandelte.

Seitdem hat sich die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte und der gastronomischen Angebote in der Ludwigstraße, dem Zentrum der Innenstadt, stark verringert.

Da liegt der Gedanke nahe, dass eine Öffnung für den Verkehr zumindest eine Teillösung für die Probleme sein könnte.

Dabei wird allerdings – zumindest in der öffentlichen Diskussion – häufig vergessen, was sich in diesem Zeitraum sonst noch alles abgespielt hat. Die letzten amerikanischen Truppen wurden abgezogen, damals gab es noch kein Ebay oder Amazon, die meisten Leute hatten nicht einmal einen Internetzugang und nicht zuletzt hat sich die Alterstruktur seitdem verändert. Auch der Wandel der durch die Gesundheitsreformen im Bereich der Kur stattgefunden hatte, war damals vermutlich noch nicht so weit vorangeschritten wie heute. Als in der Fußgängerzone noch der Verkehr lief, spielte der Marktplatz zudem noch eine ganze andere Rolle als Treffpunkt, was durch die Verbreitung von Mobiltelefonen in der Zwischenzeit schlicht an Notwendigkeit verloren hat.

Das alles sind Faktoren die eine Rolle spielen und die man nicht so einfach übersehen darf.

Eine Öffnung der Fußgängerzone für den Straßenverkehr würde im Übrigen nur Sinn machen, wenn man auch entsprechende Parkmöglichkeiten schafft. Dazu müssten zwangsläufig die Blumenampeln verschwinden. Auch die Aussenbestuhlung der Eisdielen und Restaurants, sowie die Auslagen der Einzelhändler stünden hier in Konkurrenz mit dem Parkraum. Nimmt man hier keinen Platz weg, bleibt auch kaum nutzbarer Parkraum, was die Sache ad absurdum führen würde.

Es gibt noch mehrere andere Gründe, die gegen eine Öffnung sprechen, jedoch wollte ich ja eigentlich mehr auf die anderen Lösungsansätze eingehen.

Eine Einkaufsstraße/Fußgängerzone funktioniert normalerweise nach einem ähnlichen Muster wie ein Fachmarkt- oder Einkaufszentrum. Alles steht und fällt mit dem dominierenden Magnetbetrieb. Das kann ein Supermarkt, oder eine große Drogerie (wie im Brückenauer FMZ der Rossmann) sein. Irgendetwas wo man Dinge bekommt die der Konsument regelmäßig braucht.

Dieser Magnetbetrieb zieht Menschen in das Zentrum und sorgt damit auch für eine stärkere Frequentierung der anliegenden kleineren Geschäfte. Je nach Größe des Zentrums siedelt man für gewöhnlich entweder einen Magnetbetrieb möglichst zentral an, oder es wird das Hundeknochen-Prinzip mit zwei Magnetbetrieben an den Enden des Zentrums, möglichst mit Sichtverbindung, angewandt. Schließt der Magnetbetrieb in einem Einkaufszentrum ist es normalerweise nur eine Frage der Zeit, bis das komplette Zentrum dicht gemacht werden muss.

Ein solcher Magnetbetrieb fehlt in der Brückenauer Fußgängerzone. Teilweise übernahm der Sonderpreis-Baumarkt im alten Hotel zur Post diese Rolle, jedoch ist ein Baumarkt auch nicht gerade prädestiniert, als Magnetbetrieb zu fungieren.

Aktuell sieht man, was ein fehlender Magnetbetrieb für Auswirkungen hat. Die Zahl der Kunden die zielgerichtet in die Fußgängerzone geht um in den dortigen Geschäften einzukaufen, reicht nicht aus um die Straße mit Leben zu füllen. Eine Einkaufstraße ohne Menschen wirkt auf andere Menschen jedoch auch nicht anziehend, denn dadurch wird der Eindruck erweckt, dass da ja eh nichts sei was einen Besuch wert wäre. Am Ende findet man sich in einem Teufelskreis wieder.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen und wieder mehr Menschen in die Ludwigstraße zu bekommen, muss man – auch wenn das nun etwas paradox klingt – vor allen Dingen mehr Menschen in die Ludwigstraße bringen. Dabei geht es gar nicht vorrangig darum, dass diese Menschen etwas in den Geschäften kaufen, sondern vor allen Dingen benötigt man sie um eine Kulisse zu schaffen in der sich dann auch potentielle Kunden wohl fühlen.

Dazu braucht es eine höhere Aufenthaltsqualität in der Fußgängerzone. Gemütliche Sitzgelegenheiten am Marktplatz wären eine Maßnahme. Rundsitzecken würden Menschen beispielsweise eher zum Verweilen anregen als die bestehenden metallenen Sitzbänke auf denen man sich nicht gegenüber sitzen kann und die den Sitzkomfort eines Bahnhofbänkchens bieten. Auch eine Erweiterung des Spielgeräteangebots am Marktplatz fällt in diese Kategorie.

Eine flächendeckende Internet-Verfügbarkeit über Wlan erhöht die Aufenthaltsqualität ebenfalls. Meine wiederholten Aufrufe sich an der Freifunk-Initiative zu beteiligen riefen bei den Hauseigentümern und Gewerbetreibenden in der Fußgängerzone allerdings kaum Reaktionen hervor.

Solche Maßnahmen alleine reichen natürlich nicht aus um Menschen in die Innenstadt zu bringen.

In einigen Einkaufszentren geht man den Weg eines „Urban Entertainment Center“. Hier übernehmen Unterhaltungs- oder Freizeiteinrichtungen die Aufgabe eines Magnetbetriebes.

Ein Umzug der Heimatstuben in die Fußgängerzone wäre ein solcher Gedanke, zumal der aktuelle Standort in den Obergeschossen des alten Rathauses besonders für mobilitätseingeschränkte Personen eher suboptimal ist. Eine Erdgeschosslage würde hier also einen weiteren Vorteil darstellen. Ein noch zu lösendes Problem wäre hier freilich die Immobilienfrage (Miete, etc.).

Ein anderer Gedanke wären regelmäßige Open-Air-Ausstellungen. Im Altlandkreis gibt es zum Beispiel viele professionelle und semiprofessionelle Fotografen, deren Werke man entweder zentral am Marktplatz oder durch die Straße verteilt in Vitrinen ausstellen könnte.
Aber auch diverse private Sammlungen könnten hier einer Öffentlichkeit zugeführt werden.
Ein weiterer Punkt sind die Öffnungszeiten. Hier herrscht bis heute ein wildes Durcheinander. Die einen machen um diese Uhrzeit Mittagspause, die anderen zu einer anderen Zeit, wieder andere haben durchgehend geöffnet, einige schließen um 17:30 Uhr, andere um 18 Uhr oder 18:30 Uhr. Eine Angleichung der Öffnungszeiten – wie man das von Einkaufszentren kennt – wäre genauso eine Maßnahme wie ein langer Tag pro Woche an dem möglichst alle Geschäfte – im Rahmen des Ladenschlussgesetzes – abends länger offen haben und so auch Leute ansprechen die nicht bereits um 16 Uhr Feierabend haben.

Wichtig bei all solchen Maßnahmen ist, dass sie regelmäßig wiederkehrend stattfinden und auch beworben werden. Denn der Informationsfluss in Bad Brückenau und Umgebung funktioniert in vielen Bereichen nicht perfekt. Das kann man auch beispielsweise daran sehen, dass gut jeder fünfte Schüler nicht darüber Bescheid weiss, dass er mit seiner Zeitkarte auch nach Schulschluss und am Wochenende den ÖPNV im Landkreis nutzen kann.

Die klassische Variante dem entgegen zu wirken wären Werbetafeln an Orten wie dem Busbahnhof, dem Obermangparkplatz oder der Sinnaustraße. Digitale Werbetafeln böten die Möglichkeit einer Kooperation zwischen den Einzelhändlern, den größeren Märkten und der Stadt selbst. Solche Werbetafeln auf LCD-Basis lassen sich bequem online neu bestücken und niemand muss vor Ort irgendwelche Laufrollen austauschen.
Hierauf könnte für aktuelle Sonderangebote und neu ins Sortiment gekommene Ware geworben oder über Angebote und Leistungen der Stadt oder des Landkreises informiert werden. Die Kosten würden sich alle Beteiligten teilen, so dass diese verkraftbar für den Einzelnen bleiben.

Ein anderer Ansatz wäre eine Brückenauer App für das Smartphone. Diese könnte nach einer Kurzeinrichtung, in der man beispielsweise angibt ob man Kurgast/Tourist oder Einwohner ist, per Push-Benachrichtigung über jeweils relevante News, Termine, Angebote, etc. informieren.

Das wären schon einmal ein paar Mittel um den Kunden bzw. den Bürger dort abzuholen wo er ist, anstatt darauf zu warten und zu hoffen, dass er schon irgendwann von selbst kommt.

Im Übrigen sind das alles keine Maßnahmen die nicht anderswo bereits praktiziert würden. Es bleibt also noch viel Spielraum für weitere kreative oder innovative Ansätze. Aber auch kleine Dinge wie ein Hinweis „Letzter Parkplatz vor der Altstadt“ am Obermangparkplatz für Durchreisende bzw. Autobahn-Stauflüchtlinge könnten die aktuelle Situation schon etwas verbessern.

Ein weiterer Punkt der angesprochen werden muss, ist die Vermarktung der Immobilien in der Innenstadt. Man sieht zwar viele leerstehende Läden, wenn man durch die Ludwigstraße läuft. Sucht man jedoch im Internet auf den einschlägigen Plattformen nach Räumen, … gähnende Leere.  


All die Läden an deren Schaufenstern „zu vermieten“ steht, fehlen hier.
Von der Beteiligung an der Leerstandbörse des Landkreises einmal ganz abgesehen.

 

 

 

 

Das Sprichwort sagt „Wer suchet, der findet“. In diesem Fall nichts. Auch dort kein einziges Ladengeschäft in der Fußgängerzone.

Aus all diesen Einzelpunkten könnte man ein Gesamtkonzept schnüren, an dem sich dann auch alle Beteiligten orientieren und Alleingänge vermieden werden sollten.

Die Situation mag manchmal verfahren wirken. Aber ich glaube nicht, dass sie ausweglos ist.

4 Gedanken zu „Leben findet Innenstadt

  1. Mai-lyn Frank

    👍Ganz wunderbar Benjamin. Da hast du dir wirklich Gedanken gemacht die auch Sinn machen. Ich wünsche dir von ganzen Herzen das du gehört wirst:-) ich sehe auch keine Verbesserung für die Geschäfte wenn die Ludwigstraße für den Verkehr geöffnet wird. Ganz im Gegenteil. Weißt du wenn ich mal in Fulda oder Würzburg bin wieviele Brückenauer dort beim einkaufen, Kaffee trinken etc. sind das ist wirklich unglaublich. Den. Da sind die Wege weit und die Parkgebühren teuer. Aber das scheint nicht zu stören….

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  2. Peter Ewert

    Das ist die loesung. Komplett oder in teilen. Alles andere ist und bleibt, eine vogelstraussdenken. Nur mit einer gewissen “ Attraktivitaet“ locker man Publikum jeden Alter, in das Zentrum. Und hier sind Loesungen fuer jedes Alter dabei. Waer hier nicht die Loesungsansaetze sieht, hat Kein „Unternehmen“ Danke fuer diese ausfuehrliche Loesungen.

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  3. Brigitte Derlet

    Hallo Herr Wildenauer, finde Ihren Beitrag sehr interessant. Meiner Meinung nach bringt eine Öffnung für den Verkehr keine Besserung. Ich habe großes Interesse daran dass Sie Ihre Vorschläge dem Werbeverband mitteilen. Anfang Oktober ist ein Treffen und die Ergebnisse der CIMA – Untersuchung werden diskutiert. Auch anwesend wird sein, Volker Wedde vom HBE Bayern. Möchte Sie gerne auch dazu einladen, denn ich werde nicht gehört, bin nicht aus BRK.
    Ort und Zeit teile ich Ihnen noch mit.
    Ich betreibe ein Fachgeschäft für DOB in der Ludwigstrasse 32 und bin fest davon überzeugt dass wir diesen Zustand verbessern können wenn die Geschäftsleute und die Stadt mitziehen. Ich habe die letzten 3Jahre die Struktur der Stadt erfahren und bin der Meinung dass wir eine Verbesserung schaffen können.

    Viele Grüße

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  4. Beate Kühlcke

    Ich bin Brückenauerin, lebe schon lange in HH. Ich bewundere Unternehmer, die in BRK ein Geschäft aufmachen. Zugeklebte Scheiben gibt es auch in Hamburg reichlich. Den Verkehr in die Innenstadt zurück zu holen, ist keine gute Idee. Ich erinnere mich an die Zustände von früher als jeder vor dem Laden parken wollte und damit Staus verursachte. Dass die Menschen selten in die Innenstadt gehen, liegt am veränderten Einkaufsverhalten und massiven Überangebot an Supermärkten und an zu wenig potentiellen Kunden.

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